Freitag, 21. Juni 2013

Der Feind in meinem Bett

(Bild: Realmendonthitwomen.tumblr.com)

Die erste systematische Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation zum Thema zeigt: Mehr als jede dritte Frau leidet unter Gewalt. Und der Täter ist selten ein Fremder.

Weltweit erleiden etwa 35 Prozent aller Frauen - das sind mehr als jede Dritte - Prügel, Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen oder andere Taten, wie aus der ersten systematische Datenerhebung der Weltgesundheitsorganisation (WHO)zu diesem Problem hervorgeht.

«Gewalt gegen Frauen ist ein globales Gesundheitsproblem von epidemischem Ausmaß», erklärte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan zu dem Report gestern in Genf. Die Daten für den umfangreichen Bericht wurden von Experten der WHO sowie der London School of Hygiene and Tropical Medicine und des South African Medical Research Council zusammengetragen. Befragt wurden ca. 24'000 Frauen.
«Zugleich sehen wir, dass das Gesundheitswesen mehr für Frauen, die Gewalt erfahren, tun kann und tun muss», sagte Chan weiter. Ein beunruhigendes Ergebnis der weltweiten Studie ist, dass die Ehemänner weit öfter an den sexuellen und anderen Brutalitäten beteiligt sind als fremde Vergewaltiger. «Gewalt innerhalb von Beziehungen ist die am meisten verbreitete Gewalt gegen Frauen, betroffen sind 30 Prozent aller Frauen weltweit», so die WHO. Zudem sei bei 38 Prozent aller weiblichen Mord-Opfer der aktuelle oder ehemalige Partner der Täter.
Die WHO veröffentlichte zugleich eine umfangreiche Handreichung für Kliniken und medizinisches Personal zur besseren Erkennung von Hinweisen auf Vergewaltigungen und andere Formen körperlicher Gewalt. Viele der Frauen würden aus Angst vor Stigmatisierung oder Scham die Ursachen von Verletzungen oder auch von psychischen Leiden verschleiern. Das erschwere die medizinische Hilfe.
Unter den Folgen der Gewalt gegen Frauen nennt die WHO Depressionen und Alkoholprobleme. Vergewaltigte Frauen würden 1,5 Mal öfter mit Geschlechtskrankheiten infiziert als andere. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit für eine Abtreibung bei Gewaltopfern doppelt so gross wie bei anderen Frauen.
Die Definitionen für die vielfach dokumentierten Brutalitäten in der Studie lesen sich wie ein Folterhandbuch: Ohrfeigen, Werfen von Gegenständen, massive Faustschläge, Fußtritte, Würge und Verbrennungen bis zur Bedrohung mit vorgehaltener Schusswaffe. Sexuelle Gewalt erfasst neben erzwungenem Verkehr auch mit Drohungen oder Gewaltanwendung erreichte sexuelle Praktiken, die die betroffenen Frauen sonst nicht mitmachen würden.
Die Datensammlung macht deutlich, dass Gewalt gegen Frauen in allen Ländern, Kulturen und Gesellschaftsschichten vorkommt. Der Zusammenhang zum Wohlstandsgefälle auf der Welt kann aber ebenfalls nicht ignoriert werden. In Wohlstandgebieten wie  Nordamerika, Westeuropa, Australien und Japan  sind 23,2 Prozent, im restlichen Europa 25,4 Prozent der Frauen Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt durch Beziehungspartner. In Südostasien seien es 37,7 Prozent und in Afrika 36,6 Prozent.
Auch altersmässig unterscheiden sich die Opfer: Am häufigsten sind Frauen zwischen 40 und 44 Jahren Opfer von Gewalt in Beziehungen (37,8 Prozent), am wenigsten zwischen 50 und 59 Jahren (15,1 Prozent). Bei Seniorinnen verzeichnen die Autoren der Studie wieder einen Anstieg: 19,6 Prozent der Frauen zwischen 60 und 64 Jahren sowie 22,2 Prozent der 65- bis 69-Jährigen - höhere Lebensalter wurden nicht untersucht. Bei den 15- bis 19-Jährigen sind es 29,4 Prozent. Für die Studie wurde eine untere Altersgrenze von 15 Jahren angesetzt. Doch diese Ergebnisse lassen vermuten, dass auch Jüngere nicht davor gefeit sind, mindestens einmal in ihrem Leben mit Gewalt in der Beziehung konfrontiert zu werden.

Für Hilfe in der Schweiz: frauengegengewalt.ch

 

1 Kommentar:

Stef hat gesagt…

Ein ungewohnt ernstes Posting von dir, aber dringend notwendig! In Deutschland ist Vergewaltigung der Ehefrau erst seit 1997 strafbar - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!

Thematisiert sollte in dem Zusammenhang auch Gewalt gegen Männer werden. Männer, gegen die Gewalt ausgeübt wird, sind deutlich weniger als Frauen, die Gewalt erfahren müssen, aber es gibt sie - und sie schweigen wesentlich häufiger als Frauen.

Grundsätzlich ein Thema, das nicht oft genug in der Öffentlichkeit diskutiert werden kann!

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