Dienstag, 15. März 2011

Wenn nichts mehr da ist


Erdbeben, Tsunami, Radioaktivität. Wie lebt man weiter?

Home sweet home. Wir alle möchten unseren Kindern ein schönes, warmes und sicheres Zuhause bieten. Japanische Mütter und Väter wissen seit Freitag, dem 11. März 2011 14.45 Uhr Ortszeit nicht mehr, was das heisst. Die, die im betroffenen Gebiet das Erdbeben und den darauffolgenden Tsunami überlebt haben, wissen heute nicht, wie sie ihre Kinder morgen ernähren sollen. Im schlimmsten Fall haben sie keinen Job oder Geschäft mehr, die Zukunft total unsicher und das Eigenheim muss weiter abbezahlt werden, obwohl es weggeschwemmt wurde. Die Schulen sind einfach weg oder geschlossen, die Kinder traumatisiert.

In grossen Turn- und Mehrzweckhallen wurden sie untergebracht, Matten zum Schlafen und nur eine Mahlzeit pro Tag erhalten sie von freiwilligen Helfern, und der Staat weiss nach drei Explosionen in Kernkraftwerken auch nicht wirklich weiter. Japan, dieses durchorganisierte, überzivilisierte Land, das nicht mit dem Schlimmsten gerechnet, und jetzt, da es eingetroffen ist, keine Lösung parat hat.

Diese Mütter und Väter haben überlebt und sind überglücklich, ihre Kinder bei sich zu haben. Nicht alle hatten dieses Glück. Japaner sind bescheiden, eine Mahlzeit pro Tag ist schon besser als gar nichts. Ein Dach über dem Kopf haben sie auch. Und nun?

Wie lebt man weiter, wenn man weiss, dass einen zu hause nichts mehr erwartet? Nicht einmal das Zuhause? Wenn alles weg ist? Nicht „nur“ Haus und Möbel, ALLES? Familienfotos, Kinderzeichnungen, Videos von Weihnachten und dem ersten Schultag? Wie erkläre ich meinem Kind, dass wir kein Heim mehr haben? Dass es seine Freunde vielleicht nie wieder sieht? Die Schule nicht mehr existiert?

Wie erklärt man seinem Kleinkind, was Verstrahlung ist und wieso es die Arme heben soll vor den weissgekleideten Männern? Macht man es wie Benigni in "La Vita e Bella" und macht ein Spiel daraus? Oder ist der eigene Gesichtsausdruck Erklärung genug, wenn man darum bangt, dass das eigene Kind verstrahlt sein könnten und daran zweifelt, wenn die Spezialisten es verneinen?

Seit dem 11. März 2011 haben diese japanischen Mütter und Väter keine Vergangenheit mehr, die sie hervornehmen können. Kein „Weißt du noch?“, das von einem Foto unterstützt wird. Keine unaufgeräumten Kinderzimmer mehr, keine Flecken an der Wand, die an den ersten Schokopudding des Kleinen erinnern. Keine Malereien auf dem Parkett, keine Kerben im Esstisch. Nichts.

Ich habe selber Familie in Japan. Es ist ein Volk von Stehaufmännchen, das Atomzeitalter begann in Japan, es wird hoffentlich auch dort enden. Aber die Menschen werden sich nicht unterkriegen lassen. Die Menschen im Katastrophengebiet mögen keine materielle Vergangenheit mehr haben, eine Zukunft werden sie sich dennoch wieder aufbauen.

Auf diesem Weg wünscht die wir eltern Redaktion allen japanischen Mütter, Vätern, Kindern, Grosseltern viel Kraft.




Tägliche Mahnwachen für Japan finden in folgenden Schweizer Städten statt:

·            Basel: Münsterplatz auf der Pfalz
·            Bern: Waisenhausplatz
·            Genf: Place Cornavin
·            Zürich: Helvetiaplatz
·            Lausanne: Place de l`Europe 
·            Winterthur: Stadtkirche (Kirchplatz), 17.00 bis 21.00, ab Dienstag, 15.03. im Oberen Graben
·            Biel: Zentralplatz, 17.00 bis 23.00
·            Luzern:  Bahnhofplatz, ab 18.00 (Junge Grüne Luzern)
·            Schönenwerd: Vor dem Storchen, Mittwoch, 16.03.2011 ab 17.00



1 Kommentar:

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…

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Diese schlimme Katastrophe bedrückt mich, eine zweifache Mutter, sehr! Die Natur war und ist immer stärker und wird es auch immer bleiben. Ich fühle und leide mit der japanischen Bevölkerung und habe grosse Angst vor den Auswirkungen einer atomaren Katastrophe. Erinnerungen an Tschernobyl vor bald 25 Jahren kommen hoch. Kommt es tatsächlich zum befürchteten Super-GAU? Ist er gar schon eingetreten? Fragen über Fragen, auf die es (momentan) noch keine Antworten gibt. Ich hoffe fest, dass der Super-Gau doch noch abgewehrt werden kann. Schliesslich sind wir ALLE direkt oder indirekt davon betroffen. Zudem geht es hier nicht nur um uns und unsere Generation, sondern auch und vor allem um die nächste, um all jene, die uns folgen werden – um unsere Kinder und Grosskinder. Das gibt mir, besonders auch als Mutter zweier Kleinkinder sehr zu denken und macht mir grosse Angst. Was bleibt, ist die Hoffnung. Denn diese stirbt bekanntlich zuletzt.

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