Montag, 16. Juni 2008

Überforderte Schüler, verärgerte Eltern

Tages Anzeiger von heute: Schüler sollten die Hausaufgaben selbstständig erledigen können. So lautet die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Ohne die Hilfe der Eltern geht oft gar nichts.

Von Andrea Fischer

Sie sind seit jeher Zankapfel zwischen Eltern und schulpflichtigen Kindern: die Hausaufgaben. Neu ist aber, dass sich dieser Konflikt verschärft hat. Eltern klagen, die Hausaufgaben seien vielfach zu anspruchsvoll und überforderten die Kinder.

Mutter Elisa Keller* aus Zürich erinnert sich an ein besonders krasses Beispiel. Unlängst bekam ihre Tochter in der 5. Klasse den Auftrag, einen 50-minütigen Vortrag über ein Wildtier zu halten. Allein schon diese Längenvorgabe überfordere wohl die meisten Kindern in diesem Alter, ist Elisa Keller überzeugt. «Vom Lehrer gab es keinerlei Hinweise, wie man einen Vortrag aufbaut oder wie man sich die altersgerechten Informationen beschaffen kann.» Die Schüler hätten in der Klasse ein bisschen «gegoogelt», das wars. Völlig frustriert sei ihre Tochter gewesen, und für Elisa Keller ist klar: «Ohne meine Hilfe wäre es nicht gegangen.» Auch so sei der Aufwand noch sehr gross gewesen.

Ähnliches berichtet Willi Huber*. Die Hausaufgaben seiner Tochter seien oft nicht klar definiert und nicht strukturiert. «Das setzt eine Selbstständigkeit voraus, welche die meisten Primarschüler nicht haben.» Und Claudia Bianchi, Koordinatorin für die Aufgabenhilfe im Bernischen Laupen, doppelt nach. «Mein Sohn muss regelmässig Aufgaben lösen, für welche ihm die Grundlagen fehlen.» Diese würden von den Lehrern nicht erklärt oder nur «als Schnellbleiche, auf die guten Schüler ausgerichtet».

Unterricht nicht altersgerecht

Die Liste der Beispiele liesse sich beliebig fortsetzen. Ihnen gemeinsam ist, dass Eltern sich gezwungen sehen, den Kindern bei den Aufgaben zu helfen, da diese objektiv gesehen zu schwierig seien. Auch handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, wie Fachleute bestätigen. So der Zürcher Schulungsberater und frühere Primarlehrer Richard Humm. Das Phänomen sei weit verbreitet, sagt er. Eine Ursache sieht Humm im heute vermehrt praktizierten offenen Unterricht, der oft nicht altersgerecht aufbereitet sei.

Dabei sollten Schülerinnen und Schüler die Hausaufgaben ohne Hilfe erledigen können. «So will es die reine Lehre», sagt Anton Strittmatter vom Schweizer Lehrerverband und so steht es landauf, landab in den Vorgaben der kantonalen Bildungsdirektionen. «Leider sieht die Praxis vielfach anders aus», stellt Sonja Karrer fest, Primarlehrerin und Mitglied von Schule und Elternhaus Bern. Manche Lehrer würden ganz bewusst auf die Unterstützung der Eltern zählen und die Hausaufgaben entsprechend ausrichten. Diesen Eindruck hat auch Mutter Elisa Keller. «Wir wohnen in einem Quartier mit vielen Akademikern, die ihre Kinder zu hohen Leistungen drängen. Das wissen die Lehrer, und entsprechend handeln sie.»

Schulungsberater Richard Humm fragt sich, wann die Eltern dagegen auf die Strasse gingen. Doch niemand muckst auf: Die Eltern ärgern sich zwar, gleichzeitig tun sie, was sie eigentlich lassen sollten: Sie helfen. «Man will sein Kind ja nicht hängen lassen», sagt dazu Vater Willi Huber. Andernfalls müsste man sich mit den Lehrern anlegen – davor schreckten viele Eltern zurück. Allerdings: Indem die Eltern schweigen, unterstützen sie das von ihnen kritisierte System – ja fördern es sogar. Denn so erfahren die Lehrpersonen nichts von der Kritik und haben keinen Anlass, ihre Hausaufgabenpolitik zu hinterfragen.

Aufgaben sollen motivieren

Das aber wäre dringend nötig. Wenn Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben nur mit Hilfe bewältigen können, dann sind jene im Vorteil, die Eltern haben, die ihnen dabei helfen können. Kinder aus tieferen sozialen Schichten sind dadurch benachteiligt, wie Bildungssoziologe Thomas Meyer sagt.

Was also wäre zu tun? «Hausaufgaben sollen motivieren, das wirkt sich insgesamt positiv auf die Leistung der Schülerinnen und Schüler aus», sagt Ulrich Trautwein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Motivation scheint jedoch bei den Schweizer Lehrerinnen und Lehrern nicht im Vordergrund zu stehen. Zu diesem Schluss kam der Bildungsforscher, nachdem er Daten aus einer Schweizer Studie auswertet hatte. Dazu wurden Lehrer nach ihren Zielen bei der Hausaufgabenvergabe befragt.

Das erwähnte Beispiel des Tiervortrags liesse sich gemäss Trautwein sehr gut anwenden, um die Motivation zu fördern. Dazu müsste die Schule den Kindern Hilfestellungen anbieten, zum Beispiel dazu, wie sie sich ein Tier aussuchen, wo sie Informationen zum Tier bekommen oder wen sie dazu befragen könnten. Im Klartext: die Aufgabe den Fähigkeiten der Kinder anpassen. Gleichzeitig würde dies die Selbstregulation der Schüler fördern: Gute Schüler könnten trotzdem noch weitergehen bei der Aufgabenerfüllung.

Derzeit zeigt die Entwicklung in der Schweiz aber in eine andere Richtung, wie der Boom bei den Hausaufgabenhilfen und Privatschulen zeigt. Eine positive Tendenz sei aber in Bern festzustellen, sagt Sonja Karrer vom Verband Schule und Elternhaus: Die Diskussion um Elternunterstützung habe sich deutlich entspannt, seit die Zahl der Tagesschulen stark gestiegen ist. In den Tagesschulen können die Kinder nach dem Unterricht die Aufgaben machen und dabei Hilfe in Anspruch nehmen. Davon profitierten alle, sagt Lernforscher Humm, und die Unterschiede zwischen den Elternhäusern würden deutlich gemildert.

* Namen geändert

Weitere Artikel zum Thema im Tages Anzeiger: "Nachhilfe auch für gute Schüler" und "Ausbildung als Leistunssport"


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