Mama kann nicht kochen. Na und?


Auszug aus dem Buch "Mama kann nicht kochen". Interviewt wurde ich von Katrin Suter, Verlegerin beim Aris Verlag.
«Mama kann nicht kochen» – dieses Buch hätten auch meine Kinder über mich schreiben können! Muss denn eine Mutter immer kochen können? Unsere Freunde wissen alle, dass mein Mann sehr gut kocht. Ich bin einfach die Alltagsköchin, man muss die Kinder ja irgendwie ernähren, auch wenn der Vater nicht zur Stelle ist. Meine Kinder essen glücklicherweise dreimal die Woche in der Schule oder bei der Nonna.

Wie die Mutter von Martin und Camilo Jaschke koche auch ich nicht besonders gern und genau wie sie habe ich eine Mutter, die kochen kann. Meine Mutter, das kann man wohl sagen, ist in Sachen Haushalt perfekt! Sie hatte es immer im Griff, Kinder, kochen, haushalten – heute noch. Ich liebe es, wenn sie zu uns kochen kommt. Dann räumt sie auch gleich die ganze Küche auf, so sauber ist es bei uns sonst nie. Leider hat es nicht auf mich abgefärbt. Darum gabs auch schon Nacherziehung.

Das Bild der perfekten Mutter

Einmal sassen meine Mutter und ich am Nachmittag zusammen und tranken Kaffee. Dann ging sie nach Hause und rief am Abend nochmals an: «Du, jetzt muss ich dir mal was sagen, sei mir nicht böse. Mir ist aufgefallen, unter deinem Tisch war es etwas klebrig. Wenn du Freundinnen zu dir einlädst, ist das schon ein bisschen peinlich. Du solltest das putzen.» Und da habe ich realisiert: «Weisst du, Mami, ich habe keine Freundinnen, die das peinlich finden würden. Bei meinen Freundinnen klebt es auch überall unterm Tisch.» Es tat gut, das zu sagen und mich nicht zu hinterfragen. Es ist befreiend, wenn man authentisch sein kann, auch wenn das heisst, dass man nicht gut kocht und es unter dem Tisch klebt.
Ich hatte eine Phase, wo ich anders sein wollte, als ich bin. Eben dem Bild der perfekten Ehefrau und Mutter entsprechen. Mein Mann lacht mich heute noch aus: «Als du schwanger warst, hast du mir mal Cookies versprochen!» Das war mein Bild von einer amerikanischen 50er-Jahre-Ehefrau, die dem Mann Cookies bäckt und die ich damals offensichtlich gerne sein wollte. Zumindest für einen kurzen Moment. Erhalten hat er diese amerikanischen Kekse nämlich nie.

Mama ist kein «Leithammel»

Ich glaube, es gibt Frauen, die das einfach können: kochen, Haushalt führen, immer ein blitzblankes Haus haben, alle Schultermine im Griff und immer selbst gemachte Cookies bereit. Das ist ja dann auch authentisch. Aber viele andere Mütter sind nicht so, meinen aber, so sein zu müssen. Sie verbiegen und verleugnen sich, um einem solchen Mutterbild nachzueifern. Das ist nicht gesund, denn eine Familie sein und Kinder haben ist doch keine genaue Wissenschaft. Das ist vor allem Bauchgefühl!
Muttersein wird meines Erachtens stark überbewertet. Gerade in der Schweiz: Das Kind muss bei der Mutter sein, sonst ist es nicht glücklich und wird drogenabhängig. Aber das ist Blödsinn. Wenn der Vater Hausmann ist oder beide arbeiten, dann ist das ebenso gut für das Kind. Man ist in erster Linie eine Familie.
Man ist ja als Mutter auch nicht der «Leithammel» – wobei ich mich manchmal dabei ertappe, wie ich meinem Mann Anweisungen zu Familienthemen gebe. Dann sage ich mir aber: Also, das kann er schon selbst, sonst hätte ich ihn ja nicht als Mann gewollt. Man hört immer wieder Frauen sagen: «Mein Mann kann das eben nicht.» Bei der Konstellation, die man in der Schweiz häufig antrifft, Mami zu Hause und Papi bei der Arbeit, werden Kinder schnell zur Existenzberechtigung. Ich denke allerdings, es geht jeder Frau besser, wenn sie nicht immer um die Kinder herum ist und sie nicht immer perfekt betüdelt – sondern sich auch mal «Zeit für sich nimmt».

Dank Mamas Fehlern zur Selbstständigkeit

Loslassen gelingt mir auch nicht immer gleich gut. Es gibt Tage, da denke ich: Soll doch die Jacke da rumliegen, wen störts. Und dann gibt es Tage, da bringt es mich auf die Palme, weil ich zum hundertsten Mal sagen muss, die Jacke solle da nicht rumliegen. Es ist eben nicht immer gleich – manchmal, da wäre ich gerne perfekt und ich nerve mich darüber, dass es mir nicht gelingt. Später dann bin ich wiederum nur froh, dass ich mir den Stress vom Perfektsein nicht aufhalse.
Grundsätzlich, denke ich, ist das Nicht-Perfektsein befreiender, als alles im Griff haben zu wollen. Auch für die Kinder. Natürlich haben sie keine Freude daran, wenn sie einen Rüffel in der Schule bekommen, weil die Mutter wieder mal vergessen hat, die Regenhose einzupacken. Meine beiden Kinder hätten es vermutlich geschätzt, wenn ich so manches besser im Griff gehabt hätte. Ich behaupte aber, sie sind genau deswegen selbstständiger geworden. Selbstständiger, weil ich eben nicht alles kann und nicht alles im Griff habe. Das mag jetzt vielleicht eigenartig klingen, aber sie können sich in organisatorischen Dingen nicht immer auf mich verlassen, also müssen sie selbst ein bisschen mitdenken. Meine Tochter ist 9 und macht das nun schon ein paar Jahre mit, sie weiss immer genau, was läuft, was man einpacken muss und wann was unterschrieben werden muss für die Schule.
Ich weiss, ich könnte das gewissen Müttern wohl so nicht sagen: «Meine Kinder sind selbstständiger, weil sie sich nicht zu 100 Prozent auf mich verlassen können.» Aber es ist so. Und Selbstständigkeit wird bei mir ganz grossgeschrieben. Ich habe selbst eine «perfekte» Mutter, aber mit 22, als ich ausgezogen bin, konnte ich nicht mal eine Waschmaschine bedienen. Und ja, warum kann ich wohl nicht kochen? Meine Mutter hat immer gesagt: «Ich mach das selbst, dann wird es besser.» Das wird meinen Kindern nicht so ergehen, wenn sie ausziehen.
Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch «Mama kann nicht kochen – Liebeserklärung an perfekt unperfekte Mütter». Zwei Buben erzählen darin über die Kochunfälle ihrer Mutter. Schützenhilfe erhalten sie von zehn bekannten Schweizerinnen, die ihrerseits über ihre eigenen Unzulänglichkeiten als Mütter berichten. Erhältlich überall im Handel und über den Aris Verlag






rabenmutter.ch und der Aris Verlag laden herzlich zur Vernissage ein: Montag, 3. September 2018, 19.00 Uhr, Sphères Zürich, Hardturmstrasse 66.


Photo by Hannah Tasker on Unsplash

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