"Tochter hat dreimal gepfundet"

Nach 14 Monaten Mami zum Zweiten stelle ich wiedermal beschämt fest, dass ich sie bin, die Leibhaftige, die Unzufriedene, kurz: die Rabenmutter!

Mein Sohn war nicht ganz zwei Jahre alt, als ich ihn - zum grossen Teil erleichtert - in die Krippe gab. Das klingt jetzt so, als sei ich ihn dort losgeworden und wisst ihr was? So war es anfangs auch. Ich wollte soooo gerne wieder arbeiten, meine Hirnzellen anstrengen, den Tag mit einem Erwachsenengespräch beginnen und den Thesaurus statt den Staubsauger zu aktivieren.

Ganz so einfach war es dann nicht, den Kleinen in die Obhut fremder Leute zu geben, zu meiner Zufriedenheit hat es aber auf jeden Fall beigetragen, soviel steht fest.

Heute ist meine Tochter 14 Monate alt und diese Gefühle machen sich schon wieder bemerkbar. Neuronen, wo seid ihr? Zwischen sabbernden Schoppen und schmutzigen Windeln suche ich manchmal vergebens danach. Jeden Tag Staub und Brösmeli an denselben Orten zu entfernen, kochen, putzen bestechen und erpressen langweilt mich oft bis zum Umfallen. Und 30 mal am Tag dieselben Sätze zu wiederholen "Bitte zieh deine Socken nicht dauernd aus!" "Bitte geh jetzt Zähne putzen!" "Doch, du musst jetzt ins Bett", will mich auch nicht so recht erfüllen.

Was ist nur los mit mir? Mein Mann verdient genug, um die ganze Familie zu ernähren, wir haben gerade ein Haus gekauft, ich habe wunderbare Kinder und bin immer noch in deren Vater verliebt, wie am ersten Tag. Und ich wage es, mich zu beklagen? Schämen sollte ich mich! Tu ich auch.

Trotzdem freue ich mich auf den Tag - der hoffentlich bälder als bald kommen wird - an dem ich mich morgens wieder duschen und schminken MUSS, um aus dem Haus zu gehen und etwas Produktives zu vollbringen. Um dann meinem Mann abends etwas interessanteres zu erzählen als "Sohn hat Hausaufgaben toll gemacht und Tochter hat dreimal gepfundet".

Um der Langeweile etwas entgegenzuwirken habe ich meine Tochter schon mal in der Krippe angemeldet. Jetzt brauche ich nur noch einen Job. Jemand eine Idee?

Kommentare

Simon Künzler hat gesagt…
Also ich finde Hardcore-Mütter und -Frauen ja wunderbar. Schade nur, dass deren Leistung und Beitrag an die Gesellschaft eben von dieser Gesellschaft nicht wertgeschätzt und schon gar nicht honoriert werden.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Frauen möglichst schnell zurück in den Job wollen, wo sie wie Anerkennung kriegen. Mein persönliches Credo lautet da, lasst euch Zeit, die Kids brauchen euch ab 5-6 Jahren sowieso nicht mehr so intensiv, warum also dieses Gehetz? Arbeiten können wir ein Leben lang, kleine, betreuungsbedürftige Kinder haben wir einige wenige Jahre. Es geht alles viel zu schnell... ;-)

Wegen Job: mal kucken ;-)
Anonym hat gesagt…
also, irgendwie empfinde ich gerade mitleid. mir fällt auch mal die decke auf den kopf. und auch ich denke manchmal darüber nach wieder zu arbeiten. aber so abwertende gefühle der aufgabe die ich als mutter tagtäglich erfülle habe ich nicht. ich weiss was ich leiste hier und der beste beweis ist das hervorragende gedeihen unserer töchter.
nath hat gesagt…
Abwertend? Vielleicht. Ehrlich? Auf jeden Fall. Ich wäre gerne einer dieser dankbaren Mütter, die jede Minute nur geniesst und sich stolz auf die Brust klopft, weil sie solch gute "Arbeit" leistet.

Ich bin extrem stolz auf meine Kinder, denke aber ehrlich gesagt nicht, dass ich so viel damit zu tun habe.

Und interessanterweise scheine ich nicht die Einzige zu sein, die das Tabu Langeweile thematisiert: http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/7938/mutters-letztes-tabu/
Mittelmaßmama hat gesagt…
Ganz ehrlich? Danke!
Danke für diese wundervollen Worte!
Weil es mir nämlich genauso, haargenauso ging. Samt schlechtem Gewissen.
Es ist immer wieder schön, zu wissen, dass man damit nicht alleine auf der Welt ist.
Mittlerweile stehe ich auch dazu. a) Konnte ich meine latente Unzufriedenheit vor meiner Umwelt eh nicht verbergen. Und b) Warum denn eigentlich nicht?
Denn es kommt nicht darauf an, das Klischee von der glücklichen Mama zu erfüllen, sondern dem Zustand eine Fasson zu geben, mit der man selbst und die Familie glücklich ist.
Übrigens: Ich war beruflich nie so erfolgreich wie s.K. (seit Kind). Weil ich weiß, warum mir der Job Spaß macht und immer rechtzeitig nach Hause kann, wenn er mich anzunerven beginnt.

PS für Nath: Neuer Job? Kommt ganz auf die Ausbildung an. Als Mama kannst Du Dir auf jeden Fall ein Zeugnis als Eierlegene Wollmilchsau ausstellen.
Aber im Ernst: Irgendwas, womit man helfen kann?
Nath hat gesagt…
Scheint ja geradezu eine neue Art der Bewerbungs-Strategie zu sein: "Verzweifeltes Bloggen"!

Konkret suche ich eine 40%-Stelle oder Freelance-Projekte als Texterin/Redaktorin/Konzepterin aber auch in der Beratung einer Werbeagentur. Jobangebote sind sehr willkommen! Danke!
Irene hat gesagt…
Liebe Nath

Ich dachte immer, dass ich eines dieser absolut zufriedenen Hausfrauen-Mamis sein werde. Dem war aber leider nicht so. Ich habe mich dafür geschämt nicht dankbarer und zufriedeneer zu sein, aber ich denke das einzig richtige ist auf sich zu hören und das zu tun was einem gut tut.

Liebs Grüessli

Irene
Anonym hat gesagt…
Nath, deine Post gefällt mir. Es ist schon spannend, wie nur in Zentraleuropa die Frauen krampfhaft versuchen ihr "Hausfrau"-Dasein zu rechtfertigen, in allen anderen Ländern der Welt geht frau nämlich auch mit drei Kindern arbeiten. Mir persönlich geht dieses aufopfernde Verhalten auf den Keks. Frau sollte doch öffentlich sagen dürfen, dass sie brainfood braucht und nicht als Heimchen geschaffen ist. Denn auch bei den Männern sagt niemand: "wenn du dich nicht darum kümmerst, wieso hast du welche..."
beautifulvenditti hat gesagt…
Eigentlich ist ja die extreme Trennung - hier Familie, dort Arbeit - völlig unnatürlich. Ebenso unnatürlich wie die Einrichtung, dass es für Papas völlig normal ist, Vollzeit zu arbeiten während Mamas zu Hause sein sollen. Wann endlich begreift die Schweiz, dass die glücklichsten Familien diejenigen sind, in denen es möglich ist, die Aufgaben ohne Abstriche gerecht zu verteilen?
Martina hat gesagt…
Ich finde diese ehrlichen Worte super. Arbeite selbst 30% mit zwei Kindern. Die grauen Hirnzellen zu aktivieren und mal über etwas anderes studieren tut super gut. Die Kinder spüren sicher auch, wenn Mama ausgeglichener ist. Das muss natürlich jede für sich bestimmen, aber ich kann es sehr gut nachvollziehen und habe auch kein schlechtes Gewissen deswegen.
Anonym hat gesagt…
Ich hab mich grad krumm gelacht und bin so froh, dass man heutzutage alles sagen und denken kann. Obwohl wir vielen (vor allem männlichen!) vor den Kopf stossen, wenn wir uns mit zu Hause sein, putzen bügeln und Kids hüten nicht zufrieden geben wollen.
Vorallem: ist es wahhhnsinnig EINSAM! Das macht mich fast verrückt! Die grosse im Kindgsi, der kleine kommt bald in die Spielgruppe...ich vermisse das pulsierende Leben und fühle mich manchmal wie im Gefängnis...
Du musst wieder etwas arbeiten, Nath, einen Tag in der Woche oder so, Biz Woman zu sein und eine coole Mama dazu ist die perfekte Herausforderung. Nath, du machst das schon, such dir einen coolen Job und dann wirst du wieder happy sein und auch die Kids. Ich arbeite momentan grad nicht, aber die Kids sind jetzt nicht unglücklicher als vorher,...
Anonym hat gesagt…
Ich LIEBE meinen Job. Ich verdiene damit nicht super, und mit Karriere hat das auch nicht viel zu tun, aber ich bin 2 1/2 Tage die Woche unter Erwachsenen und habe genügend intellektuelle Herausforderung. Und schon das alleine ist in meinem Fall überlebensnotwendig. Ich war in meinen Babypausen immer total unausgeglichen.
Meine Kids (2J / 4J) sind 2 Tage in der Krippe und 1 bei Papi. Es ist für uns alle eine gute Lösung so. Ausserdem können wir auch ein zweites Einkommen nicht verzichten.

Was ich oft nicht verstehe bei Diskussionen: Wieso muss Haus- und Kinderarbeit und Erwerbsarbeit immer gegeneinander ausgespielt werden? Ich habe sehr grossen Respekt vor Frauen, die Vollzeit zu Hause sind, das ist nämlich wirklich oft einsam. Und ich finde Hausarbeit nicht weniger Wert als Erwerbsarbeit und umgekehrt.

Es gibt einfach unterschiedliche Neigungen zum einen oder andern, und jede Frau soll der ihren Neigung entrpsechend ihr Leben gestalten können, ohne wertende Schere im Kopf.

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