Dienstag, 9. Februar 2010

Kinderverbot im Szene-Restaurant

Anlässlich des gestrigen Posts meiner Kollegin vom mamablog, möchte ich euch einen älteren (Mai 2008), aber nicht minder aktuellen, rabenmutter-Post nicht vorenthalten:

Hatten wir das nicht schon mal? Oder kommt es einem nur so vor? Das Szene-Restaurant L'O in Horgen empfängt abends keine Kinder unter 8 Jahren,
20 Minuten berichtete gestern darüber. "Unternehmerische Freiheit!" brüllen die einen. "Skandal!" empören sich die anderen. Tatsache ist, Kinder gehören in der Schweiz nicht ins gesellschaftliche Bild der Mehrheit.



www.rabenmutter.ch entstand vor einem Jahr unter anderem aus dem Grund, weil wir uns nicht auf das "Mami-Sein" beschränken wollten, bloss weil Kinder seit neustem unser Leben bereicherten. Dazu gehört für uns auch die Weigerung, nur noch das Migros-Restaurant und den Mac Donald's zu besuchen, wenn wir uns zusammen mit unserem Nachwuchs verpflegen möchten. Und jetzt kommt eines der schönsten Restaurants am Zürisee und will und den Spass verderben, mit unseren (nicht schreienden, anständig essenden und total in unser Leben integrierten) Kindern etwas Gourmet-Küche zu geniessen.

Unternehmerische Freiheit oder Diskriminierung?
Das ist tatsächlich unternehmerische Freiheit. Und gegen Kinderverbote in Szene-Lokalen, Szene-Badis und sonstigen gemäss "Experten" kinderuntauglichen Orten gibt es eben keine Gesetze. Afrikaner schützt das Anti-Rassismus-Gesetz. Behinderte werden von diversen Gesetzen gegen Diskriminierung ebenfalls geschützt. Alterbeschränkungen sind hingegen zugelassen.

Nun fragt sich unsereins, wann alte Menschen in Restaurants verboten werden. Schliesslich sabbern die vielleicht vor sich hin, einen Anblick, den ich jedem Szeni ersparen möchte. Ausserdem konsumieren sie weniger als DINKS (Double Income No Kids) und trinken bestimmt weniger Alkohol.

Moderne Erziehung vor dreissig Jahren
Was uns aber fast noch mehr schockiert als das Verbot an sich, sind die Reaktionen im Talkback von 20min.ch. Vor allem die dauernden Ermahnungen, wir Eltern müssten halt für ein paar Jahre "verzichten" und diese moderne Art, Kinder überallhin mitzunehmen, sei ja wohl total daneben. Meine Eltern haben jedoch bereits vor dreissig Jahren für sich entschieden, mich nicht wie einen Porzellangegenstand zu hause in der Vitrine zu lassen, sondern überallhin mitzunehmen. So durfte ich bereits mit ein paar Monaten ins Louvre und ass mit sechs Jahren meine erste Auster an den Champs Elysées im Fouquet's. War kein Erfolg zugegeben, ich spuckte das schlabbrige Ding gleich wieder aus. Aber ich lernte, mich in einem Restaurant zu benehmen und hielt nicht immer gleich Ausschau nach dem nächsten Spielplatz.

Viele Kinder sind es heute so gewohnt, dass ihre Eltern nur an kinderfreundliche Orte mit ihnen gehen, dass sie sich auch nicht mehr mit sich selber beschäftigen können. Also muss die Spielecke oder der Fernseher her. Auch ich freue mich, wenn mein kleiner an der Autobahnraststätte einen Spielplatz entdeckt und nach stundenlangem Autofahren endlich wieder rumtollen kann. Wenn wir aber essen gehen, darf er ruhig auch mal 90 Minuten mit uns am Tisch sitzen und mitreden oder mit Bierdeckeln Rollenspiele spielen.

Traurig ist einfach, dass diese Praxis viele andere schöne Restaurants, in denen es eben nicht nur nach Schnipo riecht, mit sich ziehen wird und wir immer weniger Auswahl haben werden, um unseren Kindern etwas Gourmet-Flair und Restaurant-Knigge beizubringen. Sind wir ausserdem nicht alle darum bemüht, unsere Kinder gesund zu ernähren? Das wird auswärts jedoch zunehmend schwierig, wenn uns der Eintritt in die guten Restaurants verwehrt bleibt. Denn sogenannt kindertaugliche Restaurants sind in der Schweiz leider eine Einöde des Frittierten!


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo!
Wir sind ein kinderloses Paar Ende Dreissig.
Und es tut uns wirklich leid, aber wenn wir abends schön Essen gehen, möchten wir nicht von schreienden und krähenden Kindern umgeben sein. Dafür müssen wir kein Geld ausgeben.
Es ist illusorisch, zu denken, das geht nebeneinander. Uns stört es definitiv!
Von daher Bravo ans L'O für den Mut!

rabenmutter1 hat gesagt…

...wäre schön gewesen, wenn du ebensoviel mut bewiesen hättest und nicht anonym gepostet hättest... aber danke für dein statement!

Igraine hat gesagt…

hallo

was mich am meisten nervt, an dieser Diskussion, ist, dass scheinbar alle Kinder nur quengeln und schreien. Meine Tochter ist 4 und kann sich in einem Resti benehmen.... (vielleicht sogar besser als so mancher Erwachsener...?) Und was in den Kommentaren auf 20min auch extrem auffällt.... es sind immer die bösen Mütter die nicht verzichten können.... (Kind, Karriere, Nobelrestis)...

Wollte ich nur mal loswerden....

Gruss

Igraine

beautifulvenditti hat gesagt…

So langsam habe ich die ewigen Vorurteile gegenüber Kindern satt. Weshalb werden wir in der Fondation Beyeler von misstrauischem Personal durch die Räume verfolgt, wenn wir ein Baby im Tragtuch dabeihaben? Warum nimmt man sich die Frechheit heraus, unsere Kinder im Zug anzuschnauzen wenn sie artig auf ihren Plätzen sitzen und mit uns plaudern? Warum werden wir schon schief angeschaut, wenn wir es "wagen" mir fünf Kindern im Selbstbedienungsrestaurant, - in die anderen lassen sie uns schon gar nicht mehr rein, - zu frühstücken? Jeder Hund wird hierzulande mehr geachtet als ein Kind.

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…

Dass man sich über so was Normales wie Kinder aufregen kann, ist traurig! Ich bin selber Mutter zweier Kleinkinder und habe bis jetzt unterwegs noch (fast) nie schlechte Erfahrungen gemacht – egal ob im ÖV, auch zu Stosszeiten, noch im Restaurant (auch in einem trendigen). Meistens wird mir, auch unaufgefordert, Hilfe beim Ein- und Aussteigen angeboten. Kann es vielleicht sein, dass Bern kinderfreundlicher als z.B. Zürich ist? Oder liegt es bloss daran, dass ich meistens freundlich und aufgeschlossen bin? Zudem habe ich keinen SUV, sondern einer der schmalsten Kiwas überhaupt oder bin mit dem Buggy unterwegs. Dass es Kinderwagenverbote geben muss, ist armselig und zeugt von wenig Vertrauen gegenüber Eltern. Mir käme es jedenfalls nie in den Sinn, meine Kinder in eine verrauchte, lärmige und stickige Bar mitzunehmen. So viel zum Thema „gesunder Menschenverstand“. Zudem lasse ich mich nicht gerne bevormunden, sondern entscheide noch immer selber wo ich mit meinen Kindern hingehe und was ich mit ihnen unternehme.

Denn „Nuggi rausgejagt“ haben mir aber die vielen teils sehr kinder- und familienfeindlichen Leserkommentare im 20 Minuten und dem Mamablog, viele sogar von Frauen! Da ist doch tatsächlich von „Gofen“ die Rede und dass HAUSfrauen gefälligst gemäss ihrem Namen mit ihren Kindern zu Hause bleiben sollen. Andere wiederum setzen Kinder mit Hunden und Rauchern gleich und möchten gleich alle aus sämtlichen Restaurants verbannen. Dass Raucher ihre Gesundheit und jene Dritter durch Passivrauchen gefährden, ist hinlänglich bekannt. Dass Kinder gesundheitsschädigend sein sollen, ist mir jedoch neu. Bei solchem Geschreibsel kommt mir als eigentlich sehr tolerante Person die Galle hoch und ich frage mich ernsthaft, ob diese SchreiberInnen nie Kinder sein durften oder gleich als wohl erzogene Erwachsene auf die Welt kamen. Es muss ja niemand Kinder (so fest) mögen wie ich. Es versetzt mir zwar schon einen Stich wenn ich höre, dass Menschen wenig bis nichts mit Kindern anfangen können. Aber so ist es nun mal und ich akzeptiere das.

An alle Nörgler und stressgeplagten Pendler: Ich verstehe sehr gut, dass ihr nach einem anstrengenden Arbeitstag eure Ruhe braucht. Auch ich ziehe ein ruhiges und halbleeres einem überfüllten und stinkigen Tram vor, schon nur wegen der Kinder. Es lässt sich halt nicht immer vermeiden. Und glaubt mir, freiwillig zwängt sich niemand mit Kinderwagen zu Stosszeiten in den ÖV! Steckt Euch doch die Stöpsel Eures Ipods in die Ohren und schliesst die Augen. So seht und hört ihr keine schreienden und quengelnden Kleinkinder .Seid doch einfach ein bisschen toleranter und rücksichtsvoller, Kinder sind unsere Zukunft, die Gäste von morgen – vergesst das bitte nicht – Danke

Mit ein wenig mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander wird das Zusammenleben noch viel einfacher, schöner und vor allem lebenswerter!

zurchoise hat gesagt…

Ich, als Mutter einer 4-jährigen Tochter habe da eine ähnliche Meinung wie 'Anonym'...

Zunächsteinmal zur Definition 'Szenelokal':
regelmäsiger Treffpkt. der Angehörigen einer bestimmten Szene; mit Erlebnisangebot auf die Wünsche der Szene abgestimmt. Charakteristisch für ein 'Szenelokal' ist, dass es auch ausserhalb der Szene als solches bekannt ist. In Szenelokalen verkehren Menschen mit gruppenspezifischen Existenzformen & erhöhter Binnenkommunikation.

Zu einem typischen 'Szenelokal' zählt z.Bsp. das Restaurant "S" an der Schweizergasse in Zürich - wer dort einen Blick reinwirft, möchte einen Besuch seinen Kindern bzw. sich mit Kindern ersparen!

Ich gehe seit ca. 8 Jahren regelmässig und gerne in das Seerestaurant L'O essen und kann nur sagen, das L'O zählt definitiv nicht zur Kategorie 'Szenelokal'. Hier verkehren keine 'Szenis' sondern seit 10 Jahren nur Stammgäste & (internationale)Business-Leute.

Wer beim L'O anfragt, weshalb Kinder unter 8 Jahren nicht erwünscht sind,erhält folgende Antwort:'Wir haben leider schlechte Erfahrungen mit Eltern gemacht, die während dem Essen nicht auf ihre Kinder schauen.'

Wir müssen akzeptieren, dass es auch diese schlechten Erfahrungen gibt. Ich geniesse auf jeden Fall weiterhin das tolle Essen im L'O auch ohne Kleinkinder.

PS: Den Knigge für die Tischmanieren & die 'Restaurant-Atmosphäre' bringe ich meiner Tochter dann ab 9 Jahren näher:-)

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