Direkt zum Hauptbereich

Feminismus braucht's nicht mehr?



«Ach, ihr Frauen habt doch alles erreicht, was wollt ihr denn noch?» Das Erreichte nicht verlieren.

Denn dieser Trend zeichnet sich je länger je mehr aus. Erreichte Freiheiten werden überall auf der Welt wieder in Frage gestellt. So zum Beispiel in Polen, wo die Abtreibungsgesetze restriktiv sind und schon immer waren. Die katholische Kirche hat in diesem ehemals kommunistischen Land viel Macht und wo die Kirche ist, fehlt bekanntlich das Recht auf Abtreibung. Deshalb gingen letzte Woche tausende Frauen und Männer auf die Strasse: Sie protestierten gegen die freiheitsraubenden Abtreibungsgesetze, die neu nicht einmal Rücksicht darauf nehmen, wie das Kind entstanden ist. Bei einer Vergewaltigung zum Beispiel.

Das ist euch zu weit weg? Sind wir ehrlich. Hierzulande gibt es auch genügend christliche oder anders geprägte Gruppierungen, die es gerne sehen würden, wenn unsere Rechte auf unseren Körper ein wenig beschnitten würden. Und da liegt genau das Problem. Ja, wir (bzw. unsere Mütter) haben viel erreicht. Wahl- und Stimmrecht (in Polen haben Frauen dieses übrigens bereits seit 1918, also auch da kein Garant), Mutterschaftsurlaub, wir dürfen ganz alleine darüber entscheiden, ob wir arbeiten dürfen, Auto fahren undundund. Aber wirft man einen Blick über die Grenzen, sieht man, wie immer öfter immer mehr Freiheitsrechte beschnitten werden.
Nicht nur in arabischen Ländern, wo die Religion ebenfalls eine (zu) grosse Rolle spielt. Auch in sogenannt christlichen Ländern will man zurück zu den guten alten Gesetzen, welche vor allem von reichen, weissen, Männern definiert werden. Ich hoffe ja immer noch, dass man Trump in einem halben Jahr vergessen haben wird, dennoch bringt er auch diese Seite der Menschen zum Vorschein: Er und seine Anhänger finden schliesslich auch, Frauen, die abtreiben, müssten auf irgendeine Art und Weise bestraft werden.
Wenn mich also jemand fragt, was ich denn noch wolle mit dem Feminismus und ich junge Frauen höre, wie sie meinen, sie seien keine Feministinnen, dann koche ich innerlich. Denn Feminismus ist leider (Gottes hätte ich fast geschrieben) überhaupt keine etablierte Errungenschaft. Sie steht auf wackeligen Beinen, wird täglich in Frage gestellt, unterwandert, teilweise abgeschafft, mit Füssen getreten. Nein, die Emanzipation der Frau ist noch lange nicht «geschafft», genauso wenig wie jene der Ausländer, Homosexuellen, ja sogar die der Kinder.Was wir in der Schweiz als selbstverständlich erachten, ist in zu vielen anderen (ebenfalls europäischen) Ländern noch ein trauriger Kampf. Zu glauben, dass uns das nicht passieren kann, ist naiv.

Als Mutter einer Tochter werde ich ihr auch genau dies beibringen: Weitermachen, nichts für gegeben betrachten. Als Mutter eines Sohnes übrigens erst recht. Das Ergebnis in Polen gibt mir recht: Das Polnische Parlament hat das Abtreibungsverbot nach den Protesten gekippt. Ein grosser Erfolg für die Gegner dieses frauenfeindlichen Gesetzes!
Was meint ihr? Ist der Feminismus erreicht, die Gleichberechtigung Alltag? Oder was sagt ihr euren Kindern?

Text erstmals auf wireltern.ch erschienen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Hormonhölle

  Wer mich bzw. Rabenmutter (Blog und Buch) noch nicht kennt, braucht für diesen Text eine kurze Orientierung: Bei Sassines sind wir 2 Männer (Vater und Sohn, 21) und zwei Frauen (Tochter, bald 17, und ich). Soviel zur Demografie des Hauses. Als mein Sohn in die Pubertät kam, gab es schwierige Zeiten. Wir sind uns sehr ähnlich, will heissen, wir sagen, was ist. Sowohl im Positiven, wie aber auch im Negativen. Wenn uns also etwas nicht passt, meckern wir genauso, wie wir spontan «Ich liebe dich» sagen können. Jedoch gab es Zeiten, da war es kein meckern mehr, vielmehr gingen wir uns regelmässig an die Gurgel mit ausgewachsenen Wutanfällen, die einem Orkan ähnelten. Sowohl in der Kraft, als auch in der Lautstärke. Diese endeten jeweils mit einem Türenschletzen seiner- und einer Putzaktion meinerseits (Ich putze nicht gerne, ausser ich bin wütend. Meine Laune lässt sich also direkt an der Sauberkeit unseres Hauses messen.) Die anderen zwei Sassines, Vater und To...

Libido und Langeweile

Wer kennt das nicht? Den Mann hat man schon länger, die Kinder rauben einem den Schlaf und den letzten Nerv. Sex ist das Letzte, worauf man jetzt Lust hat. Für einen Artikel über die weibliche Libido würde ich gerne Aussagen von Müttern und Ehefrauen aufnehmen, wie das bei euch ist/war. Habt ihr regelmässig Sex mit eurem Mann? Oder vielleicht mit einem anderen? Und was heisst regelmässig? Habt ihr Freude am Sex oder ist es zur Pflichtübung geworden? Würdet ihr dagegen eine Pille nehmen? Es wäre schön, wenn ihr mir in der Kommentarfunktion (auch anonym) ein paar dieser Fragen beantworten könntet. Eure Aussagen würden mir sehr helfen! Herzlichen Dank!

Doktorspiele oder sexuelle Belästigung?

Eine amerikanische Studie zeigt dise Woche auf, dass fast die Hälfte der Kinder - wenn auch mehr Mädchen als Jungs - in der Schule "sexuell belästigt" werden. Ich schäme mich ein bisschen, diesen Ausdruck in Anführungs- und Schlusszeichen zu setzen, denn es liegt mir fern, ein solches Fehlverhalten zu minimieren. Doch meine erste Reaktion auf die Studie war erst einmal: Die Amis sind wiedermal hysterisch, früher nannte man das einfach Doktospiele! Oder einfach Geblödel vorpubertierender Kids, die glauben zu wissen, was sie tun. Die Wahrheit sieht etwas besorgniserregender aus: Denn seit es auch die Cyber-Belästigung gibt, wollen viele Kinder am liebsten gar nicht mehr in die Schule, weil sie sich schämen oder den Gerüchten aus dem Weg gehen möchten. Und nun meine Frage an euch: Was sind eure Erfahrungen mit dem Thema? Haben eure Kinder schon mal etwas erzählt? Und wie war das bei euch als ihr klein wart? Ich mache mal den Anfang: Unsere Schule hatte die tolle Idee, eine...