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Der Feministinnen-Frühling

«Ich bin zwar keine Feministin, aber...» Wetten, dass...?

Als ich aufwuchs, gehörte Feminismus nicht zum Familien-Wortschatz. Nicht, dass meine Eltern konservativ gewesen wären, im Gegenteil. Sie hatten zwar die klassischen Rollen inne – Vater verdient die Brötchen, Mamma macht damit Sandwiches für die Familie –, trotzdem lebte mir meine Mutter von Anfang an vor, was eine starke Frau zu sein hat. Sie war meinem Vater nie untergeordnet, sagte ihre Meinung (mehr als ihm lieb war) und vertrat auch sonst feministische Ansichten, ohne diese so zu nennen. Zugegeben, sie war eine Schönwetter-Feministin, Militärdienst und Reifen wechseln waren für sie ganz klar männliche To-Do’s, ansonsten stand sie der 70er-Jahre-Bewegung jedoch in nichts nach. Im Gegenteil, ich empfand ihren Willen, sich freiwillig für diese Rolle entschieden zu haben, in einer Zeit, in der es verpönt war, der «nur» Hausfrau und Mutter zu, als extrem stark. Und feministisch.

Mehr Vrenelis im Mathebuch?
Am 14. Juni 1991 streikten die Frauen in der Schweiz zum ersten Mal. Mit damals 18 war ich Feuer und Flamme und hatte grosse Erwartungen an die Rednerinnen in der Kanti-Mensa. Doch ich wurde enttäuscht. Das Einzige, was mir von diesem Tag wirklich geblieben ist, ist eine Mathematiklehrerin, die sich über die fehlenden Mädchen in den Sätzchenaufgaben der Mathebücher beklagte. Da ich das überhaupt nicht so empfand und es mir schlicht schnurzpiepegal war, ob es mehr Fritzlis oder Vrenelis mit Äpfeln und Birnen zu berechnen gab (weil ich, typisch Frau, schlecht in Mathe war), entschied ich für mich, dass Feminismus mich nichts angeht. Ich und eine ganze Generation Frauen mit mir. 
Denn – so eine nicht repräsentative Umfrage meinerseits über Facebook – meine Generation empfindet dieses Wort heute als negativ. Michèle Roten beschreibt es in ihrem Buch «Wie Frau sein» so: «Feminismus, wäh!» Denn wir, die ein paar Jahre nach der Einführung des Fraunstimmrechts geboren wurden, verbinden Feminismus immer noch mit haarigen Achselhöhlen, baumelnden Brüsten und lila Latzhosen. Männer? Ein notwendiges Übel, das PatriarchatDIESEN Feminismus wollen wir nicht. Was wollen wir dann?
 
Feminismus, Individualismus, Egoismus?
Wie bei allem anderen auch, wollen wir heute den Feminismus individuell definieren können. Ich bin sowohl feministisch, wenn ich mich für die Mutter-Rolle entscheide, als auch, wenn ich im Beruf Erfolg haben will. Die grössten Feministinnen sind heute wohl die, die alles wollen. Kind, Karriere und Kaviar (na ja, frau will hoch hinaus). Der Feminismus ist nicht nur individueller geworden, sondern auch egoistischer. «Meine Art zu Leben ist für mich die richtige. Alles andere sind Notlösungen.»
 
Fragt man Frauen diverser Generationen, hört man nur vermeintlich unterschiedliche Definitionen von Feminismus. Feminismus bedeutet aber für die meisten nach wie vor: Der Kampf für die Rechte der Frauen. Und da jede Frau anders ist und anders lebt, sind auch diese Rechte anders gewichtet. Für die eine Frau ist ihr Mann, der nicht im Haushalt mithilft ein „Eheproblem“. Eine andere bezeichnet hingegen die Schläge, denen sie von ihrem Partner täglich ausgesetzt ist, als «Eheproblem». Der Kampf ist derselbe: «Ich bin ein Mensch und möchte als solcher behandelt werden.» Feminismus ist somit nicht in Stein gemeisselt, sondern eine laufende Diskussion. Nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch unter Frauen.
 
Die patriarchalischen Medien werden umschifft
Diese Diskussion wird immer kräftiger unterstützt durch die neuen Medien. Noch nie durften so viele Frauen ihre Meinung offen sagen, ohne von (teils männlich regierten) Medien abgekanzelt zu werden. Das Web revolutioniert seit ein paar Jahren nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Sicht auf den Feminismus und somit auf Frauen. Neben den negativen Effekten wie Sexting und Pornographie, garantiert das Internet eine noch nie dagewesene Meinungsäusserungsfreiheit! Und viele wissen davon zu profitieren. 

Heute können sich Mädchen und Frauen online eine Identität bauen, die sie offline nach aussen tragen. Sie vertreten Meinungen, die teils weder ihre Familie, noch ihre Freunde oder gar ihre Regierung mit ihnen teilt. Betrachtet man die Bloggerinnen des arabischen Frühlings oder die diesjährigen Friedensnobelpreisträgerinnen, so kann niemand mehr behaupten, der Feminismus sei ein alter Hut. 
 
Aber nicht nur solche Grossereignisse zeigen auf, wie omnipräsent die Frauenbewegung heute noch ist, die Bloggerszene bewegt auch im kleineren Rahmen. Der Blog "Her Bad Mother"Motherlode der New York Times und Fuckermothers aus Deutschland, sie alle sind heute Meinungsmacherinnen, die sich nicht scheuen, auch mal zu sagen, dass es durchaus nerven kann, eine Frau zu sein. Oder eine Mutter. Dass es aber ebenfalls grossartig ist, heute dem weiblichen Geschlecht anzugehören. Oder dass man keinen Broccoli mag. Oder Vergewaltiger. Wir dürfen sagen, was wir wollen. Und gelesen wird es auch noch! Die Statistiken bestätigen diesen Trend ohne Zweifel. 

Das Thema der Mutterschaft scheint übrigens eines der wenigen zu sein, das sich seit der ersten Feminismus-Welle grundlegend geändert hat. War eine Frauenrechtlerin früher der Meinung, Kinder seien der Inbegriff der Unfreiheit, so kämpfen moderne Feministinnen dafür, dass sie Kinder UND Karriere haben können. Und auch hier sind die Digital Moms nicht unschuldig dran. 

Leider widersprechen wir Frauen uns oft selber, wenn wir behaupten «Ich bin zwar keine Feministin, aber...». Egal, wie wir uns nennen, ob Pipilottas, Stinktiere oder Superwomen. Hauptsache, wir geben den Kampf nicht auf. On- und Offline.
 
Welche anderen Mütterblogs kennen Sie? Wir entdecken immer gerne Neues.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Schön geschrieben! Am Ende bist du nicht nur Rabenmutter, sondern auch noch Emanze. Das wird Haue geben ;-)

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